06.03.2020 - Stahlrohstoffe: Corona-Krise legt Abhängigkeit von chinesischen Vormaterialien offen

China ist seit langem der weltweit dominierende Stahlproduzent, aber die Verbreitung des Coronavirus hat in den vergangenen Wochen auch gezeigt, wie abhängig einige globale Stahlwerke von den spezialisierten chinesischen Vormaterialien zur Stahlherstellung sind. China liefert oder raffiniert etwa 97 Prozent des Stahl-Vormaterials Manganmetall und große Mengen an Silikonen und anderen Schlüsselrohstoffen. Die Preise dieser Materialien sind bereits im Januar gestiegen, als die Verbreitung des Coronavirus die Herstellung und den Vertrieb in China stark behinderte. Einige globale Stahlproduzenten befürchten, dass diese Vormaterialien knapp werden, wenn die Auswirkungen des Coronavirus auf Logistik und auf die Verfügbarkeit von Arbeitskräften im Reich der Mitte andauern. Weltweit haben auch Branchen wie die Pharma- und Elektronikindustrie und der Einzelhandel Probleme, da der Bezug wichtiger Materialien und Komponenten aus China stockt.



In den USA und Europa haben Stahlunternehmen in den letzten Jahren erfolgreich Lobbyarbeit betrieben und Handelsmaßnahmen erreicht, die Stahlimporte aus China einschränken. Die Coronavirus-Epidemie beweist aber nun, wie sehr einige westliche Stahlkocher auf chinesische Rohstoffimporte zur Stahlerzeugung angewiesen sind. "Es gibt Materialien, die zur Stahlerzeugung benötigt werden, die kein Laie kennt. Viele dieser Rohstoffe stammen aus China", sagte Peter Davies, Mitbegründer von Original Steel Services Ltd. Dem Unternehmen gehören mehrere in Großbritannien ansässige Stahlbetriebe. Bis vor kurzem habe sich keiner in der Branche Gedanken über diese Materialien gemacht.



Bereits jetzt gibt es aber Anzeichen dafür, dass das Coronavirus die Versorgung mit Rohstoffen wie Mangan und Ausrüstungen wie feuerfesten Materialien beeinträchtigt, warnte der europäische Stahlverband Eurofer erst kürzlich. Einige Stahlproduzenten in Nordamerika und Europa haben bereits Alarm geschlagen und darauf hingewiesen, dass das Virus ihre Versorgungssituation vor erhebliche Herausforderungen stellt.



Die beiden größten Bestandteile von Stahl, metallurgische Kohle und Eisenerz, werden weltweit abgebaut, so dass den Stahlherstellern mehrere Lieferanten zur Verfügung stehen. Mangan, das zur Härtung des Stahls beiträgt, wird in Südafrika, Australien und anderen Ländern abgebaut. Aber um in der Stahlproduktion eingesetzt zu werden, muss Mangan zu Legierungen verarbeitet werden. China produziert nach Angaben des Stahlberatungsunternehmens CRU 97 Prozent eines dieser Metalle, nämlich Manganmetall.



Der Preis eines europäischen Benchmark-Manganmetalls ist seit Mitte Januar um etwa 30 Prozent gestiegen, während ein US-Benchmark trotz sinkender Preise für Kupfer oder Zink in diesem Zeitraum um etwa 23 Prozent zugelegt hat.



Die Produktion von Manganmetall läuft nur sehr zögerlich wieder an. Es gab vor allem Probleme bei der Beförderung des Metalls zu den Häfen, informierte sagte Clare Hanna, Analystin bei CRU. Die Thyssenkrupp AG teilte auf Anfrage mit, man sehe noch keine Engpässe bei der Belieferung mit Manganmetall oder Magnesium, einem weiteren Bestandteil, dessen Hauptlieferant China ist. "Aber wir beobachten die Situation sehr genau, um gegebenenfalls alternative Beschaffungskanäle zu nutzen oder Ersatzstoffe zu prüfen", sagte ein Unternehmenssprecher.



Der größte Teil der Silikone, die zur Entnahme von Sauerstoff aus dem flüssigen Stahl verwendet werden kann, wird ebenfalls in China hergestellt. Seit Mitte Januar ist der Preis dieses Ferrosilikone um etwa 15 Prozent gestiegen, berichtete Kevin Fowkes, leitender Berater bei AlloyConsult. Vanadium ist ein weiteres relativ unbekanntes Material, das in der Stahlerzeugung verwendet wird. Auch hier ist man in der Belieferung und Verarbeitung stark von chinesischen Unternehmen abhängig. Die Vanadium- Preise haben laut CRU in diesem Jahr ebenfalls deutlich zugelegt.



Vanadium wird weltweit nur bei 5 Prozent des produzierten Stahl eingesetzt, so Fowkes. Die Stahlhersteller verwenden auch andere Magnesiumqualitäten. Aber Magnesiummetall ist besonders wichtig für die Branchenunternehmen, die den Automobilsektor und die Edelstahlhersteller in Südostasien beliefern, fügte er hinzu.



Die Abhängigkeit von China beschränkt sich nicht allein auf die Rohstoffe. Die finnische Outokumpu, einer der größten Edelstahlhersteller der Welt, berichtet von einem wachsenden Druck auf die Versorgung mit feuerfesten Materialien. China ist einer der größten Feuerfest-Lieferanten, die als hitzebeständige Stoffe in den Anlagen verwendet werden. Auch die Belieferung mit Elektroden könnte stocken, warnte Catherine Cobden, die Präsidentin des kanadischen Stahlverbandes.



Im Hinterkopf behalten sollte man aber auch folgendes Faktum: Die Mehrheit der Analysten geht aktuell von einen Rückgang der weltweiten Stahlnachfrage im Jahr 2020 aus. Die Commerzbank erwartet, dass die weltweite Pkw-Produktion in diesem Jahr um 5,5 Prozent sinken wird, während vor der Ausbreitung des Coronavirus ein Rückgang von 0,6 Prozent prognostiziert wurde. Auf die Automobilindustrie entfallen 12 Prozent der gesamten Stahlnachfrage. Die Fahrzeugverkäufe in China, dem weltweit größten Markt für Autos und einem Schlüsselmarkt für die globalen Autohersteller, sind laut der China Passenger Car Association in den ersten 16 Tagen des Monats Februar um 92 Prozent eingebrochen.

MBI/DJN/emv/6.3.2020

Melden Sie sich für unseren Newsletter an

Sie möchten keine Neuigkeiten mehr verpassen, zu unseren Veranstaltungen oder Informationsdienstleistungen?

Melden Sie sich hier für unseren Newsletter an und wählen Sie die für Sie relevanten Branchen:

  • Stahl
  • NE-Metalle
  • Energie
  • Agrar | Ernährung
  • Kunststoffe
  • Einkauf
  • Europa | Außenhandel | Zoll
  • E-Mobility | H2-Mobility

Weitere Plattformen der MBI Infosource