26.10.2020 - Boston Consulting Group/CO2-Steuer kostet Stahlbranche bis zu 40 Prozent Gewinn

Die von der EU-Kommission derzeit diskutierte CO2-Grenzausgleichssteuer hätte besonders gravierende Auswirkungen auf die Stahlindustrie. In einer Studie hat die Boston Consulting Group einen Gewinneinbruch von durchschnittlich 40 Prozent errechnet. Insbesondere Flachstahlprodukte hätten unter einer Zollabgabe an der EU-Grenze in Höhe des europäischen Emissionshandelspreises zu leiden. Maschinenbau sowie EU-Auto- und Gerätehersteller haben 2018 Flachstahl im Wert von 20 Milliarden US-Dollar importiert. Dessen Produzenten haben damit 2 Milliarden US-Dollar eingenommen. Je nach Höhe der Abgabe würde die CO2-Steuer die Flachstahlhersteller 250 Millionen bis 1,3 Milliarden US-Dollar kosten. Die Hersteller, die den Stahl CO2-intensiv produzieren, dürften nach Einschätzung der Unternehmensberater Schwierigkeiten haben, die Kosten auf die Konsumenten umzulegen.

Die Unternehmensberater gehen in ihrer Analyse „How an EU Carbon Border Tax Could Jolt World Trade“ () davon aus, dass sich innerhalb der Stahlbranche die Gewichte deutlich verschieben werden. Im Vorteil seien die Stahlproduzenten, die Flachstahl in Lichtbogenhochöfen herstellen, während die Produktion in Hochöfen oder Sauerstoff-Basisöfen in den Hintergrund gedrängt werden könnte. Auch die Gewinnung und Verarbeitung der eingesetzten Kohle und das Alter der Produktionsanlagen beeinflussen die Höhe des CO2-Fußabdrucks. Das Verhältnis älterer und jüngerer Produktionsanlagen schwankt in den einzelnen Staaten. Produzenten in China und der Ukraine, die vor allem Hochöfen und Sauerstoff-Basisöfen einsetzen, liegen mit der CO2-Intensität ihrer Produkte am oberen Ende. Sie emittieren laut Analyse 2 Tonnen CO2-Äquivalent je produzierter Tonne Stahl. Kanadische und südkoreanische Hersteller seien hingegen CO2-effizienter, weil bei ihnen viel mehr Minimills mit Lichtbogenöfen zum Einsatz kommen. Diese Mini-Anlagen stoßen 1,5 Tonnen CO2-Äquivalent je Tonne Stahl aus. Emissionen in der Türkei und den USA liegen durchschnittlich bei 1 Tonne CO2-Äquivalent je Tonne Stahl. Einige Staaten, zu denen Russland gehört, haben eine Mischung bei den Produktionsanlagen.

Dabei sei aber festzuhalten, dass viele höherwertige Produkte wie Flachstahl, der in Autos verbaut wird, noch immer nur in Hochöfen hergestellt werden können. EU-Hersteller, die in den vergangenen Jahren bereits stark in eine umweltfreundlichere Produktion investiert haben, könnten im Fall einer CO2-Grenzsteuer begünstigt sein, meint die Boston Consulting Group. In anderen Ländern fehlten solche Maßnahmen bislang.

„Die CO2-Steuer könnte den weltweiten Stahlhandel signifikant verändern. Das gilt vor allem für Grunderzeugnisse, die sowohl im Hochofen als auch im Lichtbogenofen hergestellt werden können“, heißt es dazu in der Analyse. Hersteller in Ländern wie Indien und der Türkei, wo es einen höheren Anteil an Mini-Anlagen gibt, die generell CO2-effizienter sind, müssten deutlich weniger CO2-Ausgleich entrichten. Die Unternehmen wären aus Sicht der Unternehmensberater auch in einer besseren Position, um Partnerschaften mit europäischen Abnehmern einzugehen. Zu den Verlierern zählen die Analysten China, Russland und die Ukraine. US-Anbieter, die am CO2-freundlichsten produzieren, könnten in der EU künftig wettbewerbsfähiger werden. Autohersteller in der EU dürften auch mehr Flachstahl von CO2-effizienten Hochöfen im Inland kaufen. CO2-ineffiziente Anlagen in anderen Ländern hingegen müssten die Kosten der Steuer selbst tragen, alternative Absatzgebiete finden oder sauberere Technologien einsetzen.

In der EU werden derzeit vier verschiedene Optionen für einen CO2-Grenzausgleichsmechanismus diskutiert: eine Zollabgabe an der EU-Grenze in Höhe des europäischen CO2-Emissionshandelspreises (Carbon Border Tax, CBT); eine Ausdehnung des EU-Emissionshandelssystems auf Einfuhren emissionsintensiver Grundstoffprodukte, was einer Verpflichtung der Importeure zum Kauf von CO2-Zertifikaten entspräche; ein Pool an Zertifikaten für Einfuhren von Waren aus Branchen, die dem EU-ETS nicht unterliegen; eine Endproduktabgabe für Produkte mit einem hohen Anteil an emissionsintensiven Grundstoffen wie Autos, was nach dem Prinzip des bereits existierenden Mehrwertsteuergrenzausgleich funktionieren würde.

CEOs von Unternehmen in der Stahlbranche empfehlen die Unternehmensberater dringend, sich auf die neuen Gegebenheiten einzustellen. Viele Betriebe mit Sitz in der EU, die bereits in Umweltschutzmaßnahmen investiert haben, könnten Vorteile aus der neuen Lage ziehen. Wer jedoch Grundstoffe und Komponenten aus dem Ausland importiere, sei gut beraten, mit den Zulieferern über CO2-Effizienz zu verhandeln oder sich neue Handelspartner zu suchen. Unternehmen könnten ihren Geschäftspartnern aber auch dabei helfen, CO2-effizienter zu werden. Das könnte mit Blick auf steigende CO2-Preise in einen Wettbewerbsvorteil münden. Die Unternehmensberater empfehlen vier Schritte für das weitere Vorgehen: Betriebe sollten sich einen Überblick über den eigenen CO2-Fußabdruck verschaffen. Das Berichtswesen sollte mindestens auf dem Niveau der Wettbewerber sein. Unternehmen in Ländern, in denen das CO2-Berichtswesen noch nicht stark ausgeprägt ist, sollten diesen Rückstand schleunigst aufholen.

Empfehlenswert sei die Nutzung eines internen CO2-Preises. Die Buchhaltung sollte entsprechend aufgebaut werden. Die relevanten Kosten sollten in der Kostenrechnung berücksichtigt werden. CEOs sollten wissen, wo ihr Unternehmen aus der Perspektive eines CO2-Preises steht. Das ermögliche es, Flexibilität in die Lieferkette einzubauen. Daraus könnten sich Kooperationen mit den wichtigsten Zulieferern entwickeln, aber auch zusätzliche Kosten für das Unternehmen. Boston Consulting Group empfiehlt Betroffenen auch, sich aktiv in den Prozess einzubringen, der zu dem neuen Gesetz führen wird. Darauf hoffen, dass es keine Bepreisung von CO2 geben wird, sei keine Option mehr.

MBI/sir/gil/26.10.2020

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