22.02.2021 - Agora Energiewende/Studie fordert industriellen Markthochlauf für CCS-Speicherung

Um die europäischen Klimaziele zu erreichen, fordern Experten einen staatlich gestützten Markthochlauf von Methoden zur Abscheidung und Speicherung von Kohlendioxid. Sogenannte CCU- (Carbon Capture and Utilization) und CCS-Technologien (Carbon Capture and Storage) seien vor allem für die Herstellung von blauem Wasserstoff und Prozessemissionen in der Industrie zu betrachten, da beispielsweise in der Zementindustrie auch bis 2050 CO2-Emissionen nicht komplett vermeidbar seien, heißt es in einer neuen Studie des Thinktanks Agora Energiewende. "Daher sollte die Bundesregierung die Entwicklung einer CO2-Infrastruktur als internationales Großprojekt auf die europäische Agenda setzen und die Schaffung eines Important Projects of Common European Interest (IPCEI) gemeinsam mit der EU-Kommission unterstützen."

Solche europäischen Unternehmenskonsortien gibt es etwa bereits bei der Batteriezellen-Produktion, auch für die Bereiche Wasserstoff und Mikroelektronik sind sie geplant. Die CCS-Technologie war in Deutschland vor rund einem Jahrzehnt allerdings wegen massiven Widerstands in der Bevölkerung gescheitert. Die Agora-Wissenschaftler empfehlen die Lagerung von CO2 nun eher in tiefen Gesteinsformationen unter dem Meeresboden. Deutschland sollte deswegen internationale Kooperationen mit Norwegen, wo diese Technologie bereits erprobt wird, und anderen Nordsee-Anrainerstaaten eingehen.

Für die Studie - die zusammen mit der Stiftung 2 Grad und der Unternehmensberatung Roland Berger entstand - wurden 17 deutsche Industrieunternehmen, darunter auch DAX-Konzerne, befragt. Herausgekommen sind zwölf Forderungen an die Politik: Es brauche verlässliche politische Rahmenbedingungen, um in klimaneutrale Technologien investieren zu können. "Aktuell stehen die Unternehmen zwischen Baum und Borke", erklärt Agora-Direktor Patrick Graichen das Dilemma der energieintensiven Wirtschaft. "Alte fossile Technologien sind kommende Investitionsruinen, für neue innovative Technologien fehlt das Geschäftsmodell."

Maßgeblich fordern die Industrieunternehmen einen schnelleren Erneuerbaren-Ausbau sowie deutlich günstigere Stromkosten, etwa über eine Verringerung der Ökostromumlage. So erwartet der Chemiekonzern BASF, dass der Strombedarf an seinem Standort Ludwigshafen von zuletzt 6,2 Terawattstunden im Jahr 2019 beim Umstieg auf neue CO2-arme Produktionsverfahren aufs Drei- bis Vierfache steigt. Die große Koalition hatte angekündigt, noch in diesem Frühjahr einen weiteren Vorschlag für das Erneuerbare-Energien-Gesetz vorzulegen

Für den Markthochlauf von Wasserstoff schließt sich die Agora-Studie dem jüngsten Regulierungsvorschlag von Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) im überarbeiteten Energiewirtschaftsgesetz an: Demnach soll der Aufbau eines reinen Wasserstoffnetzes Vorrang erhalten. Eine Beimischung im Erdgasnetz - wie es die Gaslobby fordert - sehen die Forscher kritisch, denn die Auswirkungen auf Industrieanlagen seien technisch nicht noch abschließend geklärt.

Um die noch sehr teure Produktion von Wasserstoff überhaupt marktfähig zu machen, plädiert die Studie nicht nur für Differenzverträge (Contracts for Difference, CfDs) etwa im Stahlsektor, sondern auch für mehr staatliche Forschungs- und Investitionsförderung gerade für den Mittelstand. Zudem müsse die öffentliche Beschaffung neu aufgestellt werden. "Um Klimaneutralität zu erreichen, braucht es dringend eine Investment Wave... privatwirtschaftlicher Investitionen in klimaneutrale Industrieanlagen, und eine Welle öffentlicher Investitionen, welche die infrastrukturellen Voraussetzungen klimaneutralen Wirtschaftens schaffen", so die Studie. Nötig sei auch eine weitere Erhöhung des CO2-Preises zugunsten nachhaltiger Energietechnologien, wofür etwa Siemens plädiert.

Noch in dieser Legislaturperiode müsse die Bundesregierung daher einen konkreten Vorschlag vorlegen, wie ein Wasserstoff-Förderregime für die Industrie aussehen könnte. Nach der Bundestagswahl im Herbst sollte die kommende Regierung den Ökostromausbau noch entschlossener gehen. Spätestens innerhalb der ersten Hälfte der nächsten Legislaturperiode brauche es dann konkrete Instrumente für starke Investitionsanreize - von Fördermitteln über Sonderabschreibungen auf Effizienz- und Klimaschutztechnologien bis hin zu einem effektiven Carbon-Leakage-Schutz auf EU-Ebene. Bis 2025 müsse die Politik dann der Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur und einer zirkulären Wirtschaft angestoßen haben. Die EU strebt an, die CO2-Emissionen bis 2030 um 55 Prozent gegenüber 1990 zu senken und 2050 dann Klimaneutralität zu erreichen.

Link zur Studie: https://static.agora-energiewende.de/fileadmin2/Projekte/2020/2020-09_DE-Call_for_Action_Industry/A-EW_204_Klimaneutralitaet-2050_Was-Industrie-von-Politik-braucht_WEB.pdf

MBI/DJN/map/22.2.2021

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