11.01.2018 - Wettbewerbsfähigkeit von Industrie und Forschung: EU will in europäische Supercomputer investieren

BRÜSSEL -- Mindestens vier so genannte Supercomputer sollen ab 2020 europäischen Unternehmen und Forschern zur Verfügung stehen und es ihnen ermöglichen, die Entwicklung hochmoderner Technologien voranzutreiben. Zum Beispiel im Bereich künstliche Intelligenz, Medizin, Sicherheit oder Ingenieurswesen. Dazu wird das Gemeinschaftsunternehmen „EuroHPC“ gegründet und mit gut einer Milliarde Euro aus EU-Haushalt und nationalen Kassen ausgestattet, gab die EU-Kommission am Donnerstag bekannt. „Supercomputer sind der Motor der digitalen Wirtschaft“, sagte der für den digitalen Binnenmarkt zuständige Kommissionsvizepräsident Andrus Ansip. „Die EU muss in diesem harten Rennen aufholen, denn wir haben noch keine Supercomputer in der weltweiten Top-Ten-Liste.“

Derzeit müssten europäische Wissenschaftler und Unternehmen ihre Daten außerhalb der EU verarbeiten, weil die verfügbaren Rechenzeiten in der EU dafür nicht ausreichten, erklärte die Kommission. Dieser Mangel an Unabhängigkeit sei "ein Risiko für die Privatsphäre, den Datenschutz, Geschäftsgeheimnisse und das Dateneigentum, insbesondere bei sensiblen Anwendungen".

Supercomputer sind Rechner, die komplexe Operationen ausführen können (High Performance Computing - HPC), die mit Allzweckrechnern nicht möglich sind. Über EuroHPC sollen zwei „Weltklasse-Supercomputer“ im so genannten Vor-Exa-Bereich (hunderte Billiarden, bzw 10 hoch 17 Rechenoperationen pro Sekunde) und mindestens zwei „Mittelklasse-Supercomputer“ (etwa 10 hoch 16 Operationen pro Sekunde) angeschafft werden. Das neue Unternehmen soll die Rechner möglichst vielen öffentlichen und privaten Nutzern zugänglich machen und außerdem daran mitarbeiten bis 2022 oder 2023 europäische Superrechner im Exa-Bereich (eine Trillion, bzw 10 hoch 18 Operationen pro Sekunde) und die erste europäische Mikroprozessorgeneration mit geringem Stromverbrauch zu entwickeln.

EuroHPC soll von 2019 bis 2026 arbeiten. Von der bis 2020 vorgesehenen Investition von 1 Milliarden Euro sollen 486 Millionen aus dem EU-Haushalt kommen, der Rest von den privaten Mitgliedern des neuen Unternehmens und den bisher 13 Mitgliedstaaten. Bei diesen handelt es sich um die Schweiz und die EU-Staaten Deutschland, Frankreich, Italien, Luxemburg, Niederlande, Portugal, Spanien, Belgien, Slowenien, Bulgarien, Griechenland und Kroatien. Die Kommission ermutigte die anderen Mitgliedstaaten, EuroHPC ebenfalls beizutreten.

„Eine bessere europäische Supercomputer-Infrastruktur bietet enormes Potenzial für die Schaffung von Arbeitsplätzen und ist von zentraler Bedeutung für die Digitalisierung der Industrie sowie die Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft“, sagte die für digitale Wirtschaft und Gesellschaft zuständige EU-Kommissarin Mariya Gabriel.

Die Kommission sieht viele Anwendungsbereiche für die Supercomputer. So könnten die Bewegungen von Wirbelstürmen, die Ausbreitung von Überflutungen oder Erdbeben besser vorhergesagt werden. Im Energiebereich könnten Superrechner etwa Wirtschaftlichkeitsberechnungen für Windkraftanlagen erleichtern oder zur Entwicklung photovoltaischer Werkstoffe oder der Fusionsenergie beitragen. In der Medizin werden etwa in der „personalisierten Medizin“, bei der Auswertung von Genomsequenzen, in der Gehirnforschung oder bei der Entwicklung neuer Arzneimittel große Hoffnungen in HPC gesetzt.

In der Landwirtschaft sind Anwendungen etwa bei Analyse von Nachhaltigkeitsfaktoren, Schädlingsbeobachtung, Kontrolle von Krankheiten oder der Auswirkung von Pestiziden denkbar. Zu HPC-gestützten Anwendungen zählen Funketiketten (RFID-Tags), die etwa Informationen über Feuchtigkeitsgehalt, Gewicht und Position von Heuballen oder Bodenpartikeln speichern und übermitteln können. Künftig könnte laut Kommission eventuell so auch bestimmt werden, ob Getreide erntereif ist.

Im Fahrzeugbau ließen sich Produktionszyklen mit Supercomputern eventuell von 60 auf 24 Monate verkürzen. Im Bereich Sicherheit und Verteidigung denkt man etwa über Verschlüsselungstechniken, Rückverfolgung von Cyberangriffen, effizientere Forensik oder kerntechnische Simulationen nach und auch für Astrophysik oder Stadtplanung kann sich die Kommission interessante Anwendungsmöglichkeiten vorstellen.

MBI/fra/11.1.2018

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