09.07.2018 - Politik gefragt/Emissionen im Grundstoffsektor lassen sich senken

Rund ein Viertel der weltweiten CO2-Emissionen fallen bei der Herstellung und Nutzung von Grundstoffen - Zement, Eisen und Stahl, Papier und Pappe, Petrochemie- und Chemieprodukte - an. Bisher hat dieser Sektor, im Gegensatz zum Beispiel zur Stromerzeugung, wenig im Fokus der Klimapolitik gestanden. Auch im Monitoring-Bericht zur Energiewende des Wirtschaftsministeriums spielt der Grundstoffsektor trotz seiner Bedeutung für die Wirtschaft und den Klimaschutz keine Rolle. Nach Ansicht des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) sind es nicht nur CO2-arme oder -neutrale Produktionsprozesse und neue Grundstoffe wie klimafreundlichere Zemente, die die CO2-Emissionen senken. Verbesserungen im Design von Gebäuden, Produkten und Verpackungen zur Einsparung von Grundstoffen und zum besseren späteren Recyclings entlasten die Atmosphäre ebenfalls, heißt es in einer neuen DIW-Studie.

„Die verschiedenen Optionen der Emissionsminderungen ergänzen sich und entfalten am besten im Zusammenspiel miteinander ihre Wirkung“, ist Studienautorin Olga Chiappinelli überzeugt. Auch bei klimafreundlichen Produktionsprozesse sei der Energiebedarf groß. Die heimischen Ressourcen an Wind- und Solarenergie reichen dafür kaum aus. "Wird aber parallel umfassend recycelt und mit einem besseren Design weniger Material verbraucht, reduziert sich der Energiebedarf.“ Die Politikinstrumente, die diese verschiedenen Ansätze anregen und begleiten können, existierten zum Teil auch schon, auf nationaler wie auf europäischer Ebene. Laut Chiappinelli werden sie aber nicht kohärent genug eingesetzt und auch an der notwendigen Priorisierung hapert es.

Olga Chiappinelli und Autor Karsten Neuhoff haben vier Felder identifiziert, in denen schneller und koordinierter Handlungsbedarf geboten ist, um von allen bestehenden Möglichkeiten der Emissionssenkungen im Grundstoffsektor Gebrauch zu machen. Für Karsten Neuhoff ist die Prioritätenfolge ganz eindeutig: Umfang und Qualität von Recycling verbessern, Markteinführung klimafreundlicher Prozesse, Marktchancen für klimafreundliche Prozesse, Materialien und Produktgestaltung sichern und Emissionen aus CO2-intensiven Produktionsprozessen reduzieren. Zum Portfolio von Politikinstrumenten, die hierzu eingesetzt werden können, gehören aus Sicht der Studienautoren die Erweiterung oder Anpassung von bestehenden Regulierungen – zum Beispiel die EU-Direktiven zum Eco-Design und zum sogenannten Eco-Labelling, die systematischere Aufnahme von grünen Kriterien bei der öffentlichen Beschaffung oder die Verbreitung von Entsorgungsgebühren, die mancherorts schon erhoben werden – sowie neue Instrumente, die eingeführt werden müssten. Dazu zählt eine europaweite Sonderabgabe auf den Verbrauch von Grundstoffen, wie sie das DIW Berlin in der Vergangenheit schon vorgestellt hat. Voraussetzung für den Einsatz dieser Lösungen ist eine enge Koordinierung auf europäischer Ebene.

Wo Handlungsbedarf am dringendsten besteht, können Chiappinelli und Neuhoff nach ihrer Analyse schon ziemlich genau sagen. In Deutschland wäre demnach ein Klimaschutzgesetz der geeignete Rahmen, um vieles auf den Weg zu bringen, auf europäischer Ebene seien die von den Mitgliedsländern bis Ende 2019 einzureichenden nationalen Klima- und Energiepläne eine gute Gelegenheit voranzukommen. „Eines ist sicher: Nicht zu handeln stellt ein großes Risiko für den Industriestandort dar, denn so lange nicht klar ist, wo die Reise hingeht, halten sich Unternehmen mit Investitionen zurück“, sagte Karsten Neuhoff.

Das DIW koordiniert seit 2016 mit Climate Strategies ein Projekt zur klimafreundlichen Ausrichtung des Grundstoffsektors (“Policy Design for a Climate-Friendly Materials Sector”). Ziel des Projekts ist es, Politikoptionen für eine Dekarbonisierung dieses Industriebereichs aufzuzeichnen und zu analysieren. An dem Projekt wirken auch IDDRI (Frankreich), ISI Fraunhofer (Deutschland), IVL (Schweden), Radboud University (Niederlande), University of Nürnberg Erlangen (Deutschland), Vrije Universiteit Brussel (Belgien) und WiseEuropa (Polen) mit.

MBI/sir/9.7.2018

Weitere Plattformen der MBI Infosource