06.08.2018 - Brasilien belebt Markt für Emissionsrechtehandel

Mit dem Programm RenovaBio legt Brasiliens Regierung erstmals Emissionsminderungsziele für einen Sektor fest. Für die Hersteller von Biokraftstoffen ergeben sich darüber neue Investitionsanreize ab 2020. Sektorübergreifende Maßnahmen zur Umsetzung der Emissionsziele stehen jedoch immer noch nicht fest. Privatinitiativen, Verbände und Unternehmen engagieren sich für ein Emissionshandelssystem.

Anders als viele andere brasilianische Regierungsvorhaben schreitet das Förderprogramm für Biokraftstoffe RenovaBio, das im Dezember über das Gesetz 13.576/2017 eingeführt wurde, plangemäß voran. Am 5. Juni 2018 wurden die Emissionsziele bekannt gegeben. Vorgesehen ist eine von Jahr zu Jahr gestaffelte Minderung der CO2-Emissionen durch Kraftstoffe um insgesamt 10,1 Prozent bis Ende 2028. Mit dem Beschluss legt Brasilien den Grundstein für die inländische Treibhausgasbepreisung und für die Belebung des Emissionsrechtehandels am inländischen Markt, auch wenn darüber nur der Kraftstoffsektor erfasst wird.

Von 2020 an sollen Kraftstoffvertriebsunternehmen individuelle Zielvorgaben, die im ersten Halbjahr 2019 veröffentlicht werden, erfüllen und dafür die CO2-Zertifikate Créditos de Descarbonização de Biocombustíveis (CBIOs) nachfragen. Angeboten werden CBIOs von Biokraftstoffherstellern, die diese entsprechend ihrer CO2-Effizienz von akkreditierten Prüfern erhalten. Die zusätzlichen Einnahmen durch den Handel mit CBIOs werden die Produktion von Biokraftstoffen stimulieren und den Konsum vergünstigen.

Laut Berechnungen des Energiepolitikrates wird sich die Nachfrage nach Bioethanol und Biodiesel mehr als verdoppeln. Im Jahr 2028 dürften demnach etwa 36 Milliarden Liter Bioethanol und 11 Milliarden Liter Biodiesel verbraucht werden. Dafür schlägt der Rat vor, den Beimischungsanteil im Dieselkraftstoff von derzeit 10 Prozent auf 15 Prozent im Jahr 2022 zu erhöhen und auf 20 Prozent im Jahr 2030.

Aussichten für Hersteller von Biokraftstoff verbessern sich

Für Brasiliens Zuckerrohrindustrie kommt RenovaBio genau richtig. Die Ethanolproduzenten mussten durch die Niedrigpreispolitik für Kraftstoffe zwischen 2011 und 2014 sowie durch die anschließende Rezession hohe Einbußen hinnehmen. Im vergangenen Jahrzehnt stellten 80 Werke den Betrieb ein, weitere 70 befinden sich noch in finanziellen Schwierigkeiten. Hinzu kommt das Überangebot am Zuckerweltmarkt und die Dumpingpreise von Produzenten aus Thailand und Indien, die den Export brasilianischen Zuckers unwirtschaftlich machen.

Durch RenovaBio sieht Pedro Mizutani, Präsident des Branchenverbands Única, erneutes Wachstumspotenzial. "Sobald das Programm 2020 in Kraft tritt, wird der Sektor erneut investieren, davor eher nicht. Die Unternehmen benötigen Investitionssicherheit", meint Mizutani.

Siemens beobachtet die Entwicklung mit Interesse. Bei einem Ausbau der Ethanolproduktion rechnet der deutsche Konzern zeitgleich mit Investitionen in neue Biomassekraftwerke. 85 Prozent der heutigen Biomassekraftwerke Brasiliens nutzen Zuckerrohrbagasse, die als Reststoff der Zucker- und Ethanolproduktion anfällt. Auch Biogas und der Flugzeugtreibstoff Biokerosin werden von dem Emissionsrechtehandel profitieren. Für Biogas eröffnet zudem der Beschluss Nr. 685 der Regulierungsbehörde ANP vom 29. Juli 2017 zur Marktregulierung von Deponie- und Klärgas neue Chancen.

Unternehmen wollen Marktmechanismus zur Emissionsminderung

Auf einer Veranstaltung zur aktuellen Debatte über die Bepreisung von Treibhausgasemissionen in Brasilien, an der sich auch die deutsche Botschaft und das deutsche Generalkonsulat São Paulo beteiligten, hielt sich die Begeisterung über RenovaBio in Grenzen. Zu frisch ist die Enttäuschung über die erneute Subventionierung von Diesel, die die Regierung zur Beilegung des Lkw-Fahrer-Streiks Ende Mai beschloss. Laut einer aktuellen Studie des Forschungsinstitutes Inesc () kosteten die Subventionen fossiler Kraftstoffe Brasilien zwischen 2013 und 2017 etwa ein Prozent des jährlichen Bruttoinlandsproduktes.

Zur Umsetzung der nationalen Klimaschutzziele bedarf es einer sektorübergreifenden Bepreisung von Emissionen. Dazu tagt das ständige Komitee Comitê Interministerial sobre Mudança do Clima (CIM), das jedoch unter anderem aufgrund der Vielzahl der beteiligten Ministerien nur langsam vorankommt. Unter den lateinamerikanischen Ländern sind Mexiko, Chile und Kolumbien deutlich weiter. Mexiko entschied sich bereits 2013 als regionaler Pionier für eine CO2-Steuer und will noch in diesem Jahr die Pilotphase für den Emissionshandel starten. Chile und Kolumbien führten 2017 eine CO2-Steuer ein. Ende 2017 verabschiedete zuletzt auch Argentinien eine CO2-Steuer, die ab 2019 gelten soll.

Das brasilianische Forum für Klimawandel (https://forumbrasilclima.org), Teil des Komitees CIM, schlägt ein hybrides Modell vor, das folglich sowohl eine Besteuerung, als auch ein Emissionshandelssystem (ETS in der englischen Abkürzung) vorsieht. Die bereits hohe Steuerlast in Brasilien und das zunehmende Engagement der Unternehmen und Branchenverbände sprechen eher für den Aufbau eines ETS. Lauro Marins der Non-Profit-Organisation CDP Latin America () beobachtet wachsendes Interesse bei den Unternehmen. Derzeit verfolgen 16 brasilianische Unternehmen eine interne CO2-Preisstrategie, mehr als 50 weitere wollen in den kommenden zwei Jahren nachziehen.

Der Weg zum Emissionshandel in Brasilien ist noch lang, aber absehbar

Um die Einrichtung eines ETS voranzutreiben, erarbeitet die Unternehmensinitiative für nachhaltige Entwicklung CEBDS (http://cebds.org/) in bilateralen Gesprächen freiwillige Emissionsziele für jede Branche, die dem Finanzministerium im Juli vorgelegt werden sollen. Die Präsidentin von CEBDS Marina Grossi geht davon aus, dass der Druck der Unternehmen zum Erfolg führen wird - trotz aller politischen Unwägbarkeiten.

Dies erwartet auch João Sprovieri, Projektmanager für das brasilianische Ingenieurbüro BENG. Seiner Einschätzung nach wird es bei einem baldigen Beschluss drei bis maximal fünf Jahre dauern, bis sich der Markt in Brasilien vollständig entwickelt hat. "Bis dahin konzentrieren wir uns auf den mexikanischen und kolumbianischen Markt und auf andere Projekte aus den Bereichen Energieeffizienz und Biomasse", erklärt Sprovieri.

Als eines der wenigen Ingenieurbüros in Lateinamerika fokussiert sich BENG auf Projekte mit hohem Emissionseinsparpotenzial wie Deponien im Norden und Nordosten Brasiliens. BENG schlägt eine Brücke zu Anbietern von Umwelttechnologien wie Waste-to-energy und zu dem Markt für CO2-Zertifikate Certified Emission Reductions (CER), die von den Vereinten Nationen (UNFCCC) entsprechend dem Pariser Klimaschutzabkommen ausgestellt werden.

Sprovieri und seine Kollegen entwickeln bereits seit mehr als einem Jahrzehnt CDM-Projekte (CDM: Clean Development Mechanism, auf Deutsch: Mechanismus für umweltverträgliche Entwicklung). Bis etwa 2012 konnten am CER-Markt Preise erzielt werden, die Investitionen in Projekte zur Emissionsminderung ermöglichten. Mit dem Preisverfall am Spot-Markt EU ETS entfielen die Anreize. Über einen Abnahmevertrag mit der Weltbank, den BENG in einer weltweiten Ausschreibung gewann, und über Verträge mit einzelnen europäischen Staaten zu deutlich höheren Preisen konnte das Ingenieurbüro in den vergangenen Jahren dennoch neue Projekte abschließen.

MBI/gtai/sir/6.8.2018

Weitere Plattformen der MBI Infosource